6. Jagderöffnung

Nach ein paar weiteren Stunden Unterricht ertönte endlich wieder die Schulglocke und entließ die Schüler in den Nachmittag. Sie liefen fröhlich in den Sonnenschein. Charles, Cindy und Samuel waren etwas langsamer als der Rest und ließen sich Zeit.
»Meine Schwester hat geschrieben, dass sie noch Waffen hat, die wir hernehmen können. Also bisher läuft alles nach Plan.« Cindy lief lächelnd voraus.
Charles schrieb währenddessen Stefano, dass er sich noch mit Freunden treffen würde und deshalb später kommen würde.
»Perfekt, dann schauen wir mal, was da vor uns versteckt wird.« Samuel lief neben Cindy her.
Charles sah von seinem Handy auf und steckte es zurück in seine Jackentasche. Es vibrierte kurz, als wahrscheinlich Stefanos Antwort ankam, aber Charles ignorierte es.
Cindy hatte mit Samuel angefangen, die Grundlagen der Waffennutzung zu besprechen. Da es für Charles nicht wirklich relevant war, sah er sich während des Laufens um. Die Straße runter sah er William und Romeo, wie sie zusammen über etwas redeten und lachend weitergingen. Unsicher dachte Charles an sein Erlebnis im Wald zurück. Es würde schon nichts schiefgehen. Was war denn schon die Wahrscheinlichkeit, dass Juliette wieder auftauchen würde? Cindy’s glückliches Lachen riss ihn aus seinen Gedanken.
»Du bist ganz schön langsam. Wir wollen doch noch vor Sonnenuntergang im Wald sein.« Sie lachte ihn amüsiert an.
»So langsam bin ich auch nicht.« Charles fuhr sich nervös durch die Haare.
»Du bist langsamer als ‘ne Schildkröte.«, neckte Samuel ihn.
»Ich bin doch keine Schildkröte.« Charles lief ein bisschen schneller, um die Zwei einzuholen.
Die Drei spazierten zu Cindys Haus, welches nicht weit entfernt war. Es sah fast genauso aus wie alle anderen Häuser. Der größte Unterschied war, dass im Vorgarten schon sehr viel mehr Blumen angepflanzt waren als in den anderen Gärten. Cindy öffnete die Tür und lief hinein.
»Wartet kurz hier. Ich bin gleich wieder da.« Cindy lief eine Treppe hinauf.
Samuel und Charles blieben im Treppenhaus stehen, wie bestellt und nicht abgeholt.
»Wen hat sie denn da wieder abgeschleppt?« Eine junge Frau mit langen, glatten, schwarzen Haaren und einem eng anliegenden Overall. »Seid ihr die neuen Klassenkameraden meiner kleinen Schwester?«
»Ähm, ja.«, antwortete Charles ihr unsicher.
»Und ihr wollt jetzt den Bären jagen?« Sie lehnte sich gegen den Türrahmen.
»Ja, ähm, ich…« Charles sah zu Samuel.
»So wie ihr ausseht, wart ihr doch noch nie jagen, oder?« Cindys Schwester lachte.
»Natürlich wissen wir, wie man jagt.« Samuel verschränkte die Arme und versuchte so zu tun, als ob er wisse, worüber er sprach.
»Tut euch bloß nicht weh.« Sie lachte amüsiert und drehte sich zu ihrer Mutter, die gerade aus der Küche kam. »Hallo, ihr Zwei. Wollt ihr etwas trinken?« Lächelte sie die Beiden an. Bevor Charles etwas antworten konnte, kam Cindy mit einer Tasche die Treppe hinunter.
»Keine Zeit, Mum. Wir wollen schließlich abends wieder zurück sein.« Sie verlor fast das Gleichgewicht, da die Tasche schwerer war, als sie aussah. Schnell griff Charles nach der Tasche und half ihr, sie sicher auf den Boden zu stellen.
»Danke.« Sie klopfte auf die Tasche und sah zu ihrer Familie.
»Und du glaubst, dass ihr das allein hinkriegt?« Ihre Schwester sah zweifelnd zu ihr herab.
»Wir werden uns nur verteidigen und keinen Kampf provozieren, wenn es nicht sein muss. Schließlich haben die Beiden nicht viel Erfahrung, aber das wird schon ausreichen.« Cindy lächelte nervös. Ihre Mutter und Schwester sahen nicht sehr überzeugt aus.
»Naja, egal. Wir müssen dann los.« Cindy schob Charles und Samuel fast schon aus der Tür.
»Seid vorsichtig, Kinder.« Cindys Mutter sah ihnen besorgt nach, aber widersprach nicht.
Draußen seufzte Cindy erleichtert und lief die Straße herunter, während sie die Tasche mit sich schleppte.
»Lass mich das tragen.« Charles versuchte, sie ihr abzunehmen, doch sie schüttelte den Kopf.
»Keine Sorge, ich schaff’ das schon allein.« Sie lächelte ihn an und versuchte, ihre Anstrengung zu verstecken.
Verunsichert ließ Charles ab. »Jedenfalls müssen wir hier lang.« Er führte sie zu dem Weg, den er zum Haus gewählt hatte.

Am Waldrand angekommen, legte Cindy die Tasche ab und öffnete sie.
»Charles, hier, nimm die.« Ohne aufzublicken, gab Cindy Charles ein Gewehr. Er nahm es zögerlich an und untersuchte es erst einmal, während Samuel eine Schrotflinte in die Hand gedrückt bekam. Samuel war sichtlich nervös und starrte die Waffe in seiner Hand wortlos an. Cindy hatte für sich selbst ein Gewehr mit Goldverzierungen mitgenommen. Die goldenen Linien rankten sich um die Waffe wie eine Pflanze und waren auch mit passenden goldenen Blättern verziert.
»So, dann sind wir bereit.« Sie hängte sich eine kleine Tasche mit Munition um und schob die jetzt leere Reisetasche in einen Busch. »Charles, du führst uns.«
»Natürlich. Hier entlang.« Charles konzentrierte sich darauf, seine Schritte nachzuverfolgen. Cindy erklärte hinter ihm Samuel, wie er die Schrotflinte benutzen soll.
Schon bald hörte man nur noch Cindys Stimme, als Vogelzwitschern und Geräusche der Stadt immer leiser wurden. In der Ferne erkannte Charles das Plätschern eines Baches. Es war genau der, an dem er das letzte Mal gesessen hatte, aber diesmal war es still. Kein klapperndes Fenster, das ihm den Weg weisen konnte, doch das konnte er seinen Freunden natürlich nicht zugeben. Entschlossen ging er in die Richtung, die er glaubte, letztes Mal genommen zu haben.

Nachdem sie schon eine Weile schweigend durch den Wald liefen, ihre Waffen mit einem Lederband auf dem Rücken befestigt hatten und die Stille nur durch das Knacken von Ästen unter ihren Füßen unterbrochen wurde, öffnete Samuel seinen Mund.
»Weißt du überhaupt, wohin du gehst?« Zweifelnd sah er zu Charles vor.
»Natürlich weiß ich, wo wir lang müssen.«, versicherte er ihm, obwohl auch er schon an seiner Orientierung zweifelte. Ohne das Klappern war er hier verloren.
Plötzlich sah er etwas, das ihn erstarren ließ. Vor ihm war eine vertrocknete Blutlache.
»Was ist denn? Warum bleiben wir stehen?« Cindy sah Charles verwirrt an. Sie folgte seinem Blick. »Das sieht doch nach unserem Ziel aus.« Begeistert kniete sie sich daneben auf den Boden und fing an, die Lache zu untersuchen.
»Verdammt, wir sollten hier schnell weg.« Samuel sah sich paranoid um.
Charles erkannte die Stelle. Er kannte diese Bäume, die sandige Fläche ein paar Meter weiter, die Büsche dazwischen. Vor seinem inneren Auge konnte Charles sehen, wie er Slalom durch die Bäume und Büsche rannte, bevor die Schüsse fielen. Unweigerlich zuckte Charles zweimal zusammen und wandte seine Augen ab. Wie aus der Ferne konnte er seine Schmerzensschreie hören.
»Ich will nicht sterben…«, drängte sich seine eigene Stimme in seinen Kopf.
»Du könntest einem fast leid tun.« Juliette gesellte sich zu seiner eigenen Stimme.
Kopfschütteln versuchte er, wieder Stille in seinem Kopf herzustellen.
»Samuel hat recht, wir sollten weitergehen.« Er sah zu Cindy.
»Ach, das hier ist kein Grund zur Sorge. Es ist schon mindestens einen Tag alt.« Sie stand auf und streifte lose Grashalme und Erde von ihrer Hose.
»Es ist nicht mehr weit.« Charles folgte den Schritten seines früheren Ichs, ob die Anderen ihm folgten oder nicht. Cindy sah ihm skeptisch nach, sie schien einen Unterschied in seinem Verhalten gespürt zu haben. Erinnerungen flogen an Charles vorbei wie Schatten seiner Vergangenheit und wiesen ihm den Weg zu seinem Ziel. Seine Ohren waren voll mit dem schweren Atmen seines erschöpften Ichs, das um sein Leben rannte.
Da sah er es, hinter den Bäumen trat das verlassene Haus zum Vorschein.
»Wie cool.« Samuel lief voraus.
Cindy sah sich vorsichtig um und folgte Samuel. Vorsichtig ging Charles um das Haus und fand einen zerdrückten, kaputten Busch. Er sah nach oben, das Fenster, durch das er entkam, war geschlossen. An den Ästen hingen ein paar Stofffetzen. Zögernd nahm Charles einen davon und folgte dann Cindy ins Haus. Samuel stöberte hyperaktiv durch Schubladen und Schränke, er lief im Zickzack durch die Räume. Im Gegensatz dazu stand Cindy im Treppenhaus und untersuchte die Stahltür zum Keller.
»Ich frage mich, wo das hinführt.« Cindy tastete ein Gerät ab, das wie ein Kartenscanner aussah. Mit einem Klicken entfernte sie die Abdeckung und begann, an den Kabeln herumzubasteln. Fasziniert beobachtete Charles, wie sie mit Präzision das Gerät auseinanderbaute und die Tür überbrückte. Ihre Finger bewegten sich so schnell und zielstrebig, als hätte sie in ihrem Leben nichts anderes getan.
Mit einem Piepen leuchtete das Gerät grün auf und die Tür öffnete sich langsam.
»Zu einfach.« Cindy lachte stolz und betrachtete die Treppe in den Keller. »Hey, Samuel. Ich habs auf bekommen!«
Schon kam Samuel um die Ecke geschossen. »Und was ist da? Reichtum?«
»Erst mal ein Keller.« Sie schmunzelte amüsiert und bevor sie etwas Weiteres sagen konnte, war Samuel auf dem Weg nach unten.
»Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist…« Charles sah Samuel unsicher nach. Es war ruhig hier. Etwas zu ruhig und wenn das alles echt war, werden dort unten mehr Leute von Osiris sein.
»Wovor hast du denn Angst?« Cindy ging langsam die Treppe nach unten.
Charles klemmte einen Stuhl in der Tür ein, damit sie sich nicht schloss und folgte den Anderen. »Wartet auf mich!«

Unten angekommen war es still. Das Licht leuchtete in einem schwachen Rot und nicht mehr mit so strahlend hellem Weiß wie das letzte Mal, als Charles hier war. Ein paar der Türen standen offen. Vorsichtig näherte er sich der Ersten. Samuel stand in dem dunklen Lagerraum und stopfte sich Tablettendosen in die Jackentaschen.
»Was machst du da?« Charles nahm ihm eine der Dosen weg.
»Hier braucht das doch sowieso niemand. Also mach dir keine Sorgen.« Er grinste amüsiert.
»Du weißt doch nicht mal, was das ist.« Charles drehte die Tablettendose im schwachen Licht des Ganges. Das Etikett ist unbeschriftet, nur ein Auge ist darauf abgebildet.
»Das sollte lieber keiner nehmen. Wir wissen nicht, was das ist.« Langsam stellte er es zurück.
»Wie langweilig.« Samuel rollte die Augen und verließ den Raum.
Charles’ Augen schweiften ein letztes Mal über das Regal. Er vergewisserte sich kurz, dass Samuel den Raum verlassen hatte, bevor er doch eine Tablettendose in seiner Innentasche verschwinden ließ und ihm folgte.
Vom Gang her konnte er Samuel hören, wie er sich vermutlich bei Cindy beschwerte, dass Charles eine Spaßbremse ist. Seufzend ging er in die andere Richtung den Gang entlang, als plötzlich eine Tür neben ihm aufging.
Aus der Tür kam ein kleines Mädchen gerannt. Sie konnte nicht rechtzeitig stehenbleiben und riss Charles fast um. Er stolperte zur Seite, aber fing sich schnell wieder. Er hielt das Mädchen fest, damit sie nicht zu Boden stürzte. Sie sah panisch zu ihm auf, bevor sie hinter sich blickte. Charles folgte ihrem Blick und sah hinter der sich langsam schließenden Tür einen dunklen Gang, durch den das Licht einer Taschenlampe schweifte.
Die anderen beiden hatten aufgehört zu reden und sahen Charles verwirrt an, doch er war nur auf die Tür fokussiert.
Als sie klickend ins Schloss fiel, sah Charles zu Cindy und Samuel.
»Wir sollten hier weg und zwar schnell. Ich hab ein ungutes Gefühl…«
Das Mädchen nickte schnell und versuchte in Richtung des Ausgangs zu rennen, doch Charles hielt sie an ihrem Handgelenk fest.
Samuel verschränkte die Arme und sah kurz den Gang entlang, ehe er sich zu Charles zurückdrehte. »Wir sind gerade erst gekommen und sollen jetzt schon wieder gehen, nur weil irgendein Kind angelaufen kommt?«
Cindy sah sich etwas verwirrt um. »Charles hat Recht…«
»Was?« Samuel sah Cindy schockiert an.
Das Licht im Gang flackerte. Bevor Samuel noch etwas sagen konnte, riss sich das Mädchen los und rannte durch den halbdunklen Gang zur Treppe.
»Warte!« Charles lief ihr nach.
»Charles?« Cindy sah ihm irritiert nach.
Samuel versuchte cool zu wirken und lehnte sich seitlich an die Wand. »Ach, lass ihn doch. Er dreht wieder ein bisschen am Rad. Wollen wir schauen, was hier unten noch alles versteckt ist?«
Noch mehr verwirrt blickte sie nun zu ihm.
»Was denn?« Samuel war jetzt auch etwas irritiert.
Cindy schüttelte den Kopf und sah zu der Tür, aus der das Kind gelaufen war. Sie zog ihren Handschuh zurecht, legte ihre Hand neben der Tür an die Wand und wartete.
Samuel kam näher. »Was machst du da?«
Mit einem Piepen wechselte das Licht über der Tür von grün auf rot. Sie nahm ihre Hand zurück und nahm mit der anderen Hand Samuels.
»Wir sollten hier lieber auch weg. Wer weiß wovor das Mädchen weggelaufen ist.«
Samuel wurde etwas rot und folgte ihr ohne weitere Widerworte.
Nachdem die Beiden schnell die Treppe hinauf gingen, ertönte in dem nun stillen Gang erneut das Piepsen der Tür.

Oben angekommen, knallte Cindy die Tür hinter ihnen zu und schob einen kleinen Schrank davor.
»Nur um sicherzugehen…« Murmelte sie vor sich hin.
Samuel sieht sie fragend an. »Wie, ähm… wie hast du die Tür da unten abgesperrt?«
Sie stockt kurz und sieht ihn dann mit ähnlicher Verwirrung an. »Ich hab den Knopf zum Abschließen gedrückt. Hast du ihn nicht gesehen?«
»Nein… Ich… Ich hab keinen…«
»Du musst besser aufpassen, Sam.« Sie lächelt amüsiert, sieht kurz besorgt zur Tür.
Samuel folgt ihrem Blick. »Meinst du, da unten sind wirklich die Männer, von denen Charles erzählt hat?« Zögerlich sieht er zu Cindy.
»Was denkst du denn, wovor das Mädchen weggelaufen ist?«
»Das könnte doch alles sein.«
Cindy seufzte und sah zur Haustür. »Was auch immer da unten ist, kann warten, bis wir Charles eingeholt haben!« Sie nahm ihr Gewehr vom Rücken und sah bestimmt zu Samuel, der seine Schrotflinte unsicher ansah.
»Noch wären wir im Vorteil. Im Wald haben wir doch keine Chance…«
Cindy zögerte. »Verdammt… Du hast Recht…«
»Natürlich habe ich recht.« Samuel strahlte vor Stolz.
»Dann müssen wir uns verstecken.« Sie schob ihn in einen Nebenraum, von dem aus er die Kellertür beobachten konnte.
»Bleib du hier. Ich nehm die andere Seite.«
Bevor Samuel etwas erwidern konnte, huschte sie auf die andere Seite des Treppenhauses. Zögernd nahm er die Schrotflinte von seinem Rücken und zielte auf die Tür. Seine Finger zitterten, aber er versuchte sich nichts anmerken zu lassen.
Cindy legte sich auf die Lauer, wie sie es vom Jagen mit ihrer Familie gewohnt war.
Lange herrschte Stille. Samuel war schon etwas froh, dass nichts passierte. Vielleicht war dort unten auch nichts und sie machten sich unnötig Sorgen. Doch genau dann hörte er Knarzen aus der Richtung von Cindys Versteck.
»Waffe fallen lassen und Hände hoch.« Durchbrach eine etwas gelangweilte Stimme die Stille. Samuel konnte etwas fallen hören. Unsicher und etwas verängstigt kroch Samuel rückwärts in die Küche. Vorsichtig öffnete er einen Schrank und kroch hinein und zog die Tür langsam zu, um kein Geräusch zuzulassen.

Cindy streifte den Gurt ihres Gewehrs von der Schulter und hob langsam die Hände, während sie aufstand.
»Was machst du hier?« Geronimo stupste sie mit seiner Waffe an, um sie dazu zu bringen, von ihrem Gewehr wegzugehen.
»Erkunden.« Ruhig, nur ein wenig genervt, macht sie ein paar Schritte zur Seite.
Geronimo kniet sich kurz hin und nimmt ihr Gewehr an sich. Währenddessen lässt er sie nicht aus den Augen. Er wirft sich den Ledergurt um. »Und wofür brauchst du da ein Gewehr? Sollte ein Mädchen wie du nicht lieber in der Stadt bleiben, wo es sicher ist?«
»Wie langweilig. Zu Hause war ich immer jagen. Da macht mir doch ein Bär nichts aus.«
Geronimo seufzt genervt. Sein Blick fällt auf die Kellertür, die notdürftig verbarrikadiert wurde. »Warst du da unten?«
»Ja, aber da war nichts Interessantes. Nur leere Gänge. Was soll an dem alten Bunker so interessant sein?«
Geronimo zögert kurz. »Wo sind die anderen?«
»Die Anderen? Ich bin alleine hier.«
Geronimo beißt die Zähne aufeinander. »Halt mich nicht zum Narren. Als ob du alleine hierherkommen würdest.«
»Was soll das denn heißen?« Ihre Stimmung schnappte von ruhig zu genervt über. »Ich kann mich gut selbst verteidigen! Nur weil ich ein Mädchen bin, heißt es nicht, dass ich nicht alleine in den Wald gehen kann oder kommt dann der große böse Wolf und frisst mich?«
Geronimo steckt seine Waffe seufzend zurück an seinen Gürtel und rollt die Augen. »Es ist mir eigentlich so egal, was du hier machst, Mädchen.« Er seufzt erneut.
Cindy dreht sich um und verschränkt die Arme.
»Komm jetzt. Ich bring dich zurück nach Eden. Hier draußen ist es zu gefährlich. Hast du nicht gehört, dass hier ein Bär frei herumläuft?«
»Mit dem komm ich klar.« Sie grinst selbstsicher.
»Zu deiner eigenen Sicherheit werde ich dein Gewehr fürs Erste konfiszieren und du kommst mit zurück. Vielleicht werde ich dann auch erstmal ein Auge zudrücken. Aber komm bloß nicht wieder hier raus.«
Cindy rollte genervt die Augen und folgte Geronimo, der im Vorbeigehen den Schrank vor der Kellertür betrachtete, als würde er ihm sagen können, was hier passiert war. Er rollte die Augen und rückte den Schrank zur Seite, wo er hingehörte. Während er dadurch abgelenkt war, sah sich Cindy nach Samuel um.
»Komm jetzt.« Genervt stapfte Geronimo nach draußen und Cindy folgte ihm entspannt.

Nachdem wieder Stille im Haus einkehrte, öffnete Samuel vorsichtig die Schranktür und kroch heraus. Doch was er draußen sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Die Kellertür stand sperrangelweit offen und heraus führten blutrote Fußspuren.
Samuel rappelte sich auf und griff seine Schrotflinte. Er musste Charles finden und zwar schnell. Draußen verloren sich die schwächer werdenden Fußspuren schnell im niedergetrampelten Gras. Desorientiert sah er sich um, als ein Rascheln ihn aus der Ruhe riss.
»Wer ist da?!« Er stolperte zurück, um so viel Abstand zwischen sich und den Busch zu bringen wie nur möglich. Der Busch rührte sich nicht. Vorsichtig nahm er seinen Mut zusammen und mit der Waffe im Anschlag näherte er sich dem Gebüsch.
Als Samuel gerade noch einmal etwas sagen wollte, sprang ein Mann in zerrissener Osiris Uniform auf ihn zu. Samuel schrie und drückte ab.
Der Mann und Samuel fielen beide jeweils durch den Rückstoß nach hinten. Samuel zitterte und hielt noch immer die Schrotflinte fest. Langsam setzte er sich auf und sah zu dem Verletzten, der sich auf dem Boden vor Schmerz wandte. Neben der stark blutenden Schusswunde in den Magen, war seine rechte Gesichtshälfte zerkratzt und auch sein Auge fehlte auf der Seite.
Samuel stotterte etwas vor sich hin, das keiner entziffern konnte.
Der Mann kramte etwas aus seiner zerfledderten Jacke. Zum Vorschein kam eine Tablettendose, wie die, die Samuel im Keller gefunden hatte. Eilig stopfte sich der Mann eine Tablette in den Mund. Verwirrt sah Samuel zu. Er war zu überfordert, um irgendetwas zu sagen, bis er sah, wie die Schusswunde anfing, sich zu schließen. Ein panisches Quieken entwich Samuel, als er realisierte, dass sein Gegner noch immer eine Gefahr war. Blitzschnell rappelte er sich auf und rannte, so schnell ihn seine Beine tragen konnten.
Während der Mann hinter ihm sich langsam aufrichtete.

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